Festrede zum 1. August unter dem Motto

Gemeinschaftssinn –
Zivilcourage und Selbstbewusstsein

Aus der ältesten Quelle zum Rütlischwur von Hans Schriber, Weisses Buch zu Sarnen, um 1470, zitiert nach Chronik der Schweiz von Seite 145 lesen wir folgendes:

„Der Rütlischwur soll auf der Rütliwiese am Abhang des Seelisberges am linken Ufer des Vierwaldstättersees stattgefunden haben. Die älteste schriftliche Quelle für dieses Ereignis ist das Weisse Buch zu Sarnen des Landschreibers Hans Schriber von Obwalden. Dieser sammelte um 1470 Urkunden und Sagen zum Ursprung der Alten Eidgenossenschaft. Im Weissen Buch zu Sarnen von Hans Schriber um 1470 heisst es:

«... und kamen also ihrer drei zusammen, der Stoupacher zu Schwyz, und einer der Fürsten zu Uri und der aus Melche von Unterwalden, und klagte ein jeglicher dem anderen seine Not und seinen Kummer, ... Und als die drei einander geschworen hatten, da suchten sie und fanden einen nid dem Wald, ... und schwuren einander Treu und Wahrheit, und ihr Leben und ihr Gut zu wagen und sich der Herren zu erwehren. Und wenn sie etwas tun und vornehmen wollten, so fuhren sie für den Mythen Stein hin nachts an ein End, heisst im Rütli ...»

Interessanterweise taucht hier wohl zum ersten Mal der Begriff Treu und Wahrheit bzw. Treu und Glauben auf, der - wiederum im Zusammenhang mit der Geistigen Landesverteidigung - eine zentrale Rolle im Friedensabkommen in der Schweizer Metallindustrie 1937 (Begründung der Sozialpartnerschaft) spielte.“

Auch wird das Friedensabkommen von 1937 als Neuauflage des Rütlischwurs (Text aus Chronik der Schweiz) wie folgt zitiert:

„Das so genannte Friedensabkommen zwischen den Gewerkschaften und dem Arbeitgeberverband in der Metallindustrie von 1937 markierte den Durchbruch in den erstarrten Fronten des Klassenkampfes und bereitete den Weg zu der heute vielleicht als allzu selbstverständlich betrachteten Sozialpartnerschaft. Der Vormarsch faschistischer Bewegungen und ständestaatlicher Ideen in Europa bereitete in den 1930'er Jahren den Boden für ein Umdenken der Linken in der Schweiz: Sozialdemokraten und Gewerkschaften rückten vom Klassenkampf ab und schlugen versöhnlichere Töne an. 1937 ergriff Nationalrat Konrad Ilg (1877-1954, Präsident der grossen Gewerkschaft "Schweizer Metall- und Uhrenarbeiterverband SMUV") die Initiative, sondierte mit Bundesrat Hermann Obrecht (Vorsteher des Volkswirtschaftsdepartementes, früherer Verwaltungsratspräsident verschiedener Firmen der Metall- und Uhrenbranche) die Gesprächsbereitschaft der Arbeitgeber und traf sich dann unter vier Augen mit Ernst Dübi (1884-1947, Präsident des "Arbeitgeberverbandes schweizerischer Maschinen- und Metall-Industrieller ASM"). Ilg schätzte angesichts der politischen Kräfteverhältnisse (die Arbeiter machten nur rund einen Viertel der Bevölkerung aus), und des herrschenden Zeitgeistes (in ganz Europa verbreiteter Hang zu Autoritätsgläubigkeit, "Ruhe und Ordnung") die Erfolgsaussichten von Streiks eher gering ein und fürchtete, längere Streiks könnten rechtsextremen Kräften Auftrieb geben und damit den Linken mehr schaden als nützen. Er brauchte allerdings einiges an Überzeugungskraft, um innerhalb der Gewerkschaften eine knappe Mehrheit für diese Position zu gewinnen. Noch in den 1920'er Jahren schien die Kluft zwischen den Industriellen und der Arbeiterschaft, aber auch zwischen sozialistischen und christlichen Gewerkschaften unüberbrückbar, im "Klassenkampf" wurde mit harten Bandagen gefochten. In den Industrieländern bestand eine starke Tendenz zu staatlichen Interventionen in der Wirtschaft. Das zunächst auf zwei Jahre befristete "Friedensabkommen" sah in einer Einleitung und 9 Artikeln den Punkt der Regelung wichtiger Streitigkeiten nach Treu und Glauben, sowie den Verzicht auf jegliche Kampfmassnahmen wie Streik und Aussperrung, vor.“

Es gibt einige Parallelen von Rütlischwur 1291, Friedensabkommen 1937 und der Gegenwart. Es lohnt sich einen Vergleich anzustellen. Wie sagte schon Richard von Weizsäcker: „Wer vor der Vergangenheit die Augen verschliesst, wird blind für die Gegenwart“. Sowohl beim Rütlischwur, als auch beim Friedensabkommen war eine herrschende Existenznot und die Gefahr vom Verlust der Unabhängigkeit die treibende Kraft. In der Gegenwart herrscht keine Existenznot, und die Frage zur Wahrung der Unabhängigkeit wird kontrovers geführt, aber unter den politischen Parteien diametral unterschiedlich bewertet. Somit stellt sich die Frage, ob wir frühzeitig eine Negativentwicklung erkennen würden, ob wir überhaupt ein gemeinsames Vorgehen vereinbaren könnten, oder ob wir vom Wohlstand schon zu sehr geblendet sind? Die Vereinbarungen beim Rütlischwur wie auch beim Friedensvertrag wurden schriftlich verbrieft auf der Grundlage von Treu und Glaube. Aber was bedeuten denn diese zwei Wörter beim Schweizer Volk noch in der Gegenwart? Beim Rütlischwur wie auch beim Friedensabkommen war der zentrale Schlüssel zum Erfolg die sogenannte geistige Landesverteidigung. Eine solche beinhaltet Gemeinschaftssinn, Zivilcourage und Selbstbewusstsein.

Gemeinsinn

Wer glaubt, dem Gemeinsinn werden wir gerecht, wenn wir zum Beispiel alle während einem Länderspiel mit unserer Nationalmannschaft mitfiebern, der irrt. Der Wert einer Gemeinschaft liegt in der Kraft etwas positiv verändern zu können. Und der Wert einer Gemeinschaft liegt in der gelebten Solidarität dem Mitbürger und der Umwelt gegenüber. Stellt sich also die Frage, wie fähig wir noch sind, gemeinsam in unserem Lande etwas verändern zu können. Und es stellt sich auch die Frage, welche Bereitschaft der Schweizer heutzutage noch hat, selber ein wenig zurück zu stehen und solidarisch für das Kollektiv einen Beitrag zu leisten. Verschiedenste Gesellschaftsentwicklungen zeigen ein zwiespältiges Bild des heutigen Gemeinsinnes. Tragen wir Sorge zu unserem traditionell wertvollen eidgenössischen Gemeinsinn.

Treffend sagte der Franziskaner, Peter Amnedt (*1944) einmal: „Gemeinschaft ist wie eine Barkasse. Wer mehr aus ihr herausholen will, als er in sie einbringt, treibt sie in den Bankrott."

Zivilcourage

Dem drohenden Werteverlust in einer Gesellschaft entgegen zu treten, braucht Mut. Veränderungen vorzunehmen braucht Mut. Wirklich Hin- und nicht Wegzuschauen braucht Mut. Aber wollen wir uns denn wirklich auch mit künftigen Problemen auseinandersetzen? Was geschieht mit unserer Unabhängigkeit? Was geschieht mit unseren Sozialwerken? Was geschieht mit unserer Sicherheit? Wie gehen wir mit der zunehmenden Gewalt um? Wie haben wir es heute mit dem Schutz von der individuellen Integrität und dem Eigentum? Was geschieht mit der schleichenden Verwahrlosung, der wachsenden Respektlosigkeit und dem über alles herrschenden Egoismus? All dies sind Fragen, welche bereits eine zentrale Rolle in der Familie, in der Schule, am Arbeitsplatz aber auch ganz einfach draussen auf der Strasse uns alle betreffen. Hier ist Zivilcourage angesagt! Dort seine Stimme erheben, wo fremdes Eigentum beschädigt wird, wo Konflikte mit Fäusten ausgetragen werden, wo der Abfall einfach auf die Strasse geschmissen wird, wo Vordrängeln und Rücksichtslosigkeit herrscht, wo unsere Sprache verludert und wo man nicht mehr weiss, was Anstand bedeutet.

Ich zitiere Jupp Müller, dt. Schriftsteller von 1921 – 1985: „Wo der Mut keine Zunge hat, bleibt die Vernunft stumm.“

Selbstbewusstsein

Was wir vom Zeitpunkt des Zusammenschlusses dreier Bergregionen bis heute zum blühenden Bundesstaat in diesem Land erreicht haben, ist einmalig und muss auf der Weltkarte gesucht werden. Wir müssten strotzen von Stolz und Optimismus. Aber das Gegenteil ist der Fall; wir reden uns selber schlechter als unser Ruf im Ausland ist; wir sind voller Pessimismus und sehen nur schwarz für die Zukunft. Grosse Würfe sind in diesem Lande nicht mehr möglich. Wir trauen uns nicht zu, Probleme bewältigen zu können, auch wenn wir einmal etwas abseits stehen oder wir vielleicht auch einmal den Gürtel für eine gewisse Zeit etwas enger schnallen müssen. Uns ist das Selbstbewusstsein der Gründer unserer Eidgenossenschaft abhanden gekommen. Ohne dieses Selbstbewusstsein werden wir aber in der heutigen brutalen Welt von Protektionismus und Wirtschaftskrieg in den Mühlen der imperialistischen Staatengebilde zermalmt. Wir müssen wieder an unsere Stärken, an unsere Fähigkeiten und an unsere Werte glauben. Wir müssen bereit sein, für unsere Ideale und vor allem für unsere Unabhängigkeit auch einmal keine Kompromisse einzugehen und zur Seite zu stehen. Natürlich, sind wir Teil dieser globalen Welt. Und natürlich müssen wir unseren Beitrag leisten und es ist auch besser, wenn wir an Lösungen mitarbeiten können. Aber es gibt klare Grenzen oder in anderen Worten gesagt wir müssen auch rote Linien ziehen können. Es kann nicht sein, dass auf dieser Welt je länger je mehr heutzutage jene bestraft werden, die Ordnung in ihrem Hause halten und mit grosser Eigenleistung zu sozialem Frieden und Wohlstand gelangt sind. Wir müssen den Willen aufbringen, diese Errungenschaften zu verteidigen und dabei selbstbewusst unsere Zukunft wie schon eh und je aus eigenen Kräften gestalten zu wollen.

Wie kein anderer zeigte uns Mahatma Gandhi ein lebendiges Selbstbewusstsein auf und sagte dazu: „Stärke wächst nicht aus körperlicher Kraft - vielmehr aus unbeugsamen Willen.“

Tragen wir Sorge zu unserer Heimat

Heimat muss uns viel Wert sein. Denn sie bedeutet Familie, Geborgenheit, Fürsorge und die Möglichkeit, sich individuell entfalten zu können. Heimat ist viel mehr als nur materielle Werte. Heimat ist die Sicherheit und der Anker, im eigenen Leben und in dieser Welt nicht unter zu gehen. Es lohnt sich, dieser Heimat Sorge zu tragen, auch wenn wir alle persönlich etwas von unserem eigenen Hab und Gut dazu beisteuern müssen. Zum wahren Glück gehört auch sagen zu können: "Ich weiss, wo meine Heimat ist!"

Das sagt uns der deutsche Philosoph Karl Jaspers (1883-1969): „Heimat ist da, wo ich verstehe und wo ich verstanden werde.“

Danke, dass Sie meinen Zeilen Aufmerksamkeit geschenkt haben. Es würde mich freuen, wenn das Geschriebene auch den einen oder anderen positiven Gedanken ausgelöst hat.

Gott beschütze unsere Heimat Schweiz!

Hans-Peter Portmann

 

 © Hans-Peter Portmann, 2015

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